Mehr als jede zweite Führungskraft kennt das Gefühl. Man sitzt in einem Meeting, sagt etwas, und der Gedanke läuft parallel: Wenn die wüssten, wie unsicher ich mir gerade bin. Kein Fehler ist passiert. Niemand hat etwas gesagt. Und trotzdem ist da dieses Warten auf Entlarvung.
Das ist das Impostor-Phänomen. Kein Syndrom im medizinischen Sinne, keine Diagnose. Ein psychologisches Muster, das besonders häufig genau die trifft, die sich ihre Rolle am meisten verdient haben.
Was das Impostor-Phänomen wirklich ist (und was nicht)
Das Konzept wurde 1978 von den Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes beschrieben. Sie beobachteten bei erfolgreichen Frauen das Muster, eigene Leistungen als unverdient abzuwerten. Heute wissen wir: Es trifft Frauen und Männer gleichermaßen. [1]
Ca. 70 Prozent aller Menschen erleben es irgendwann. [1] Bei Führungskräften liegt die Rate nach Forschungsergebnissen sogar über 50 Prozent. [2] Das ist keine Schwäche. Es ist ein Muster, das in einem bestimmten Kontext entsteht: in Übergängen, in neuen Rollen, unter Sichtbarkeit.
Was es nicht ist: ein Zeichen, dass man wirklich nicht kann. Wer das Impostor-Phänomen erlebt, zweifelt nicht wegen tatsächlicher Inkompetenz. Er zweifelt, weil er noch keinen inneren Referenzrahmen für die neue Rolle hat.
Warum die erste Führungsrolle besonders anfällig ist
Der Übergang von Fachkraft zu Führungskraft ist kein Karriereschritt. Es ist ein Systemwechsel.
Wer bisher durch Ergebnisse sichtbar war, muss jetzt durch Haltung, Entscheidungen und Wirkung führen. Das Fundament, auf dem das bisherige Selbstbild stand, wackelt.
Hinzu kommt: Neue Führungskräfte sitzen zwischen zwei Systemen. Das Team erwartet Orientierung und Verlässlichkeit. Die obere Ebene erwartet Ergebnisse. Beide Erwartungen gleichzeitig, von jemandem, der gerade erst beginnt, die eigene Führungsidentität zu entwickeln.
Das Impostor-Phänomen tritt laut KPMG-Forschung besonders häufig nach Karriereschritten und in neuen Verantwortungsbereichen auf. [3] Das ist kein Zufall. Das ist Systemlogik.
Die drei häufigsten Muster, die ich in der Praxis beobachte
1. Überperformance als Schutzstrategie
Wenn ich genug liefere, merkt keiner, dass ich unsicher bin. Das ist der unbewusste Antrieb. Das Problem: Der Beweis, den du suchst, kommt nicht. Weil Leistung das innere Muster nicht auflöst.
2. Aufgeschobene Entscheidungen
Ich warte, bis ich sicherer bin. Die Sicherheit kommt aber nicht durch Warten. Sie kommt durch Handeln und Reflektieren. Wer wartet, verliert Zeit, und das Team verliert Orientierung.
3. Fremde Erfolge, eigene Misserfolge
Positives Feedback wird wegerklärt: Die meinen das nicht ernst oder Ich hatte Glück. Fehler hingegen werden als Beweis genommen: Siehst du, ich hab es gewusst. Das Muster filtert Evidenz systematisch zu seinen eigenen Ungunsten.
Was tatsächlich hilft (und was nicht)
Was nicht hilft: Affirmationen, die man selbst nicht glaubt. Mehr Seminare und Führungstools. Das Gefühl verdrängen und weiterarbeiten.
Was hilft: Das Muster im Kontext verstehen, wann, wo, mit wem es auftaucht. Die eigene Haltung zur Rolle entwickeln, nicht nur Techniken lernen. Jemanden haben, der ehrlich zurückspiegelt, was er sieht.
Das Impostor-Phänomen verschwindet nicht über Nacht. Aber es verliert seinen Einfluss, sobald man es benennen kann.
Eine persönliche Beobachtung
Ich habe lange in der Personaldienstleistung gearbeitet. Ich habe Hunderte von Führungskräften beobachtet und begleitet. Und ich habe dabei ein Muster gesehen, das sich wiederholt: Die besten Kandidaten für Führungsrollen zweifeln am meisten. Die selbstsichersten haben oft die geringste Substanz.
Zweifel ist kein Zeichen von Schwäche. Er ist ein Zeichen von Bewusstsein. Die Frage ist nicht, ob du zweifelst. Die Frage ist, wer in dir führt: du, oder der Zweifel.
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Quellen
[1] Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (2022): Validation of the Short Clance Impostor Phenomenon Scale. Zitiert in: BARMER Gesundheitsportal (2023).https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/psyche/psychische-gesundheit/impostor-syndrom-1159798
[2] Frontiers in Psychology: Validation of the impostor phenomenon among managers. Zitiert in: BARMER Gesundheitsportal (2023).https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/psyche/psychische-gesundheit/impostor-syndrom-1159798
[3] KPMG (2020): Mind the Gap. Zitiert in: Digital Campus HS Mittweida (2024).https://digital-campus.hs-mittweida.de/2024/09/impostor-syndrom-warum-frauen-an-ihren-erfolgen-zweifeln/
