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FÜHRUNG & GESPRÄCHE

Das erste wirklich schwierige Gespräch: Wer ist das richtige Gegenüber, wenn du nicht weiterweißt?

Wie du auf die erste schlechte Nachricht reagierst, entscheidet, ob du die zweite noch erfährst. Und wer das richtige Gegenüber dafür ist.

Carl-Christian Kirst

Carl-Christian Kirst

04. Oktober 2026

Schachfiguren stehen sich auf einem Brett im warmen Dämmerlicht gegenüber

Es passiert an einem Donnerstag um zwanzig nach vier. Jemand aus deinem Team steht in der Tür und sagt, dass der Termin am Montag nicht zu halten ist. Nicht knapp. Er ist seit zwei Wochen nicht zu halten.

Du bist selbst unter Druck, weil du diesen Termin nach oben zugesagt hast. Und du sagst etwas Scharfes. Einmal. Verständlich, menschlich, nachvollziehbar.

Nichts eskaliert. Es gibt keinen Streit, keine Beschwerde, keine Konsequenz. Es passiert nur, dass die nächste schlechte Nachricht zwei Tage später kommt statt sofort. Dann eine Woche später. Und irgendwann kommt sie nicht mehr als Warnung, sondern als Tatsache.

Führen fällt leicht. Zwei Gesprächstypen fallen schwer

Der Hernstein Management Report hat 1.566 Führungskräfte in Deutschland und Österreich befragt, Erhebung Mai 2016. [1] Das Ergebnis ist präziser, als man erwartet.

Mitarbeiterführung gilt den Befragten mehrheitlich als gut bewältigbar. Auch das Führen ohne Vorgesetztenfunktion. Es kippt an zwei klar benennbaren Punkten: 59 Prozent empfinden Kündigungsgespräche als belastend oder eher belastend. 37 Prozent Konfliktsituationen.

Führung an sich ist also nicht das Problem. Es sind zwei konkrete Gesprächstypen. Das ist eine gute Nachricht, weil es das Thema kleiner macht, und eine unbequeme, weil es die Ausrede nimmt, man sei generell nicht dafür gemacht.

Die Erhebung ist von 2016. Etwas Neueres, das für den deutschsprachigen Raum dasselbe misst, habe ich nicht gefunden. Das Erhebungsjahr gehört bei jeder Nennung dazu.

Warum die zweite Nachricht ausbleibt

Amy Edmondson hat 1999 in 51 Arbeitsteams eines Produktionsunternehmens etwas gemessen, das unmessbar klingt: ob Menschen es sich leisten können, im eigenen Team einen Fehler anzusprechen. [2]

Ihr Befund ist unbequemer, als er meistens zitiert wird. Psychologische Sicherheit macht Teams nicht direkt besser. Sie hängt mit Lernverhalten zusammen, und dieses Lernverhalten vermittelt zwischen Sicherheit und Teamleistung. Wo niemand Fehler anspricht, wird nichts korrigiert, und erst darüber kippt die Leistung. Eine Metaanalyse von Frazier und Kollegen hat den Zusammenhang 2017 abgesichert. [3]

Die Arbeit ist über fünfundzwanzig Jahre alt und gehört gleichzeitig zu den am besten geprüften in diesem Feld. Deshalb steht sie hier.

Für dich als neue Führungskraft übersetzt sich das in einen einzigen Moment, und der kommt früher, als dir lieb ist. Wie du in dieser Minute reagierst, entscheidet nicht über diesen Vorfall. Es entscheidet darüber, ob du vom nächsten noch erfährst.

Ein stiller See spiegelt Berge und Wolken an einem klaren Tag

Das Tückische daran ist die Ruhe. Ein Team, das aufgehört hat, Probleme zu melden, sieht nicht nach einem Problem aus. Es sieht nach einem gut geführten Team aus. Nach einem halben Jahr hast du dann sehr wenig Konflikt und sehr wenig Information.

Der Fall: zwei Sekunden gewinnen

Kevin Pätsch ist Niederlassungsleiter. Sein Thema war nicht, dass er nicht wusste, was zu tun ist. Sein Thema war die Sekunde davor.

Vorher: In emotional angespannten Situationen fuhr er hoch und reagierte, bevor er nachdachte. Danach war ihm das klar. Vorher nicht.

Die Erkenntnis, die den Unterschied gemacht hat, war unbequem und nicht die, mit der ich gerechnet hatte. Er nahm sein eigenes Verhalten durchaus wahr. Er konnte es im entscheidenden Moment nur nicht steuern. Das ist ein anderes Problem als fehlende Selbstwahrnehmung, und es braucht eine andere Antwort. Wir haben nicht an der Einsicht gearbeitet, die war vorhanden. Wir haben an der Stelle gearbeitet, an der der Körper schneller ist als der Kopf.

Heute nimmt er die Warnsignale früher wahr, setzt sich einen inneren Stopp und betrachtet Situationen nicht mehr nur aus der eigenen Perspektive.

Die ehrliche Grenze gehört dazu: Das Hochfahren ist nicht weg. Es kommt nur früher in seinem Blickfeld an. Wer eine Persönlichkeitsumstellung erwartet, wird enttäuscht. Wer zwei Sekunden gewinnen will, gewinnt zwei Sekunden. In einem schwierigen Gespräch ist das ziemlich viel. Kevin hat der Veröffentlichung unter seinem Namen zugestimmt.

Das ist die individuelle Seite dessen, was Edmondson auf Teamebene gemessen hat. Psychologische Sicherheit entsteht nicht durch ein Leitbild, sondern in einzelnen Sekunden, in denen jemand entscheidet, wie er auf eine unangenehme Information reagiert.

Wohin sich Führungskräfte tatsächlich wenden

In derselben Hernstein-Erhebung wurde gefragt, an wen sich Führungskräfte wenden, wenn eine Situation schwierig wird. [1] Die häufigste Antwort ist kein beruflicher Kontakt.

51 Prozent weihen Partnerin, Partner oder Freunde ein. Danach kommen 44 Prozent, die zu Kolleginnen und Kollegen mit Führungsverantwortung gehen, und 37 Prozent, die mit der eigenen Führungskraft sprechen. Externe Coachs kommen auf 9 Prozent, unternehmensinternes Mentoring auf 6.

Die häufigste Führungsberatung in Deutschland und Österreich findet abends im Wohnzimmer statt.

Ich verdiene mein Geld in den 9 Prozent und finde die 51 Prozent trotzdem nicht falsch. Wer nachts wach liegt, weil er morgen ein Gespräch führen muss, braucht zuerst jemanden, der zuhört, ohne eine Rechnung zu schreiben. Was dieser Person fehlt, ist keine Zuwendung. Es ist Erfahrung mit genau dieser Situation. Und die kann eine Partnerin, die in einer anderen Branche arbeitet, nicht liefern, selbst wenn sie klug ist und wohlwollend.

Wer wofür das richtige Gegenüber ist

Hier die faire Einordnung, auch wo sie gegen mein eigenes Angebot läuft.

Der kollegiale Austausch ist für die meisten Alltagsfragen die beste und billigste Antwort, die es gibt. Jemand, der dieselbe Rollengröße kennt, spart dir Wochen, weil er die Situation schon einmal hatte. Das ist die 44-Prozent-Gruppe aus der Erhebung, und mein Berufsstand neigt dazu, sie zu übergehen. Nutz sie zuerst.

Die eigene Führungskraft ist richtig, wenn es um Erwartungen, Zuständigkeiten oder Rückendeckung geht. Kein Externer kann dir klären, was dein Chef von dir will oder ob eine Entscheidung von dir Bestand hat. Wenn dein eigentliches Thema lautet, dass du nicht weißt, ob du getragen wirst, ist ein Coaching der Umweg und ein Gespräch nach oben der Weg.

Ein Führungstraining ist richtig, wenn dir konkretes Handwerk fehlt. Gesprächsführung, Delegation, Feedback, der Aufbau eines Kündigungsgesprächs. Zwei Tage Training bringen dir dafür mehr als zwei Monate Reflexion. Wenn du noch nie ein solches Gespräch geführt hast, brauchst du zuerst eine Struktur und nicht Selbsterkenntnis.

Ein Mentor passt, wenn du wissen willst, wie dieses Unternehmen funktioniert. Das ist Wissen über ein konkretes System, und das hat nur jemand von innen.

Ein Coach ist dann dran, wenn du das Handwerk kennst und es trotzdem nicht anwendest. Wenn du weißt, was zu tun wäre, und es im entscheidenden Moment nicht tust, wie bei Kevin. Das ist eine kleine Schnittmenge, kleiner als das Marketing meiner Branche behauptet.

Und jetzt der Teil, den Anbieter selten schreiben.

Die Wirksamkeitsforschung zu Coaching ist uneinheitlich. Kotte, Hinn, Oellerich und Möller haben die vorliegenden Metaanalysen nebeneinandergelegt. [4] Die berichteten mittleren gewichteten Effektstärken liegen bei g gleich 0,10, bei g gleich 0,36 und bei g gleich 0,66. Das ist keine Bandbreite um einen gemeinsamen Wert, das sind drei verschiedene Aussagen. Das Feld ist heterogen in Definition, Theorie, Design und Methodik, und experimentelle Studien sind die Ausnahme.

Dazu kommt der Teil, über den fast nie jemand schreibt. Schermuly und Kolleginnen haben 123 Coachings aus Sicht der Coaches untersucht. [5] Ergebnis: Pro Coaching treten im Schnitt zwei negative Effekte auf. Die Intensität war niedrig, aber sie war nicht null. Eine Folgestudie aus Organisationssicht nennt als Ursachen unter anderem mangelnde Auftragsklärung und fehlende Motivation der Klienten.

Ich relativiere das nicht. Es sind die Gründe, warum ich den Auftrag ausführlich kläre und warum ich jemandem absage, der nicht selbst will. Wenn dir ein Anbieter Coaching mit einer einzigen Effektstärke verkauft, frag nach den anderen beiden.

Was das für Unternehmen heißt

Wenn 51 Prozent eurer Führungskräfte ihre schwierigen Gespräche zu Hause vorbereiten und 9 Prozent mit einem Externen, dann sagt das nichts über die Loyalität dieser Menschen. Es sagt, dass es intern keine Adresse gibt.

Der günstigste Hebel ist deshalb nicht ein Programm. Es ist eine benannte Person pro neuer Führungskraft, die selbst führt, nicht in der Berichtslinie steht und angerufen werden darf. In der IW-Befragung 2025 nennen 61 Prozent Unterstützung durch Mentoring oder Coaching als wichtigen Faktor einer attraktiven Führungskultur. [6] Das ist billiger als jede Fluktuation.

Der zweite Punkt ist unbequemer. McKinsey hat ausgewertet, dass 68 Prozent der gescheiterten Führungsübergänge an Politik, Kultur und Menschen scheitern und nicht an Fachlichkeit. [7] Wenn bei euch Zuständigkeiten unklar sind oder Entscheidungen von Führungskräften vor dem Team revidiert werden, ändert kein Format daran etwas. Dann ist die wirksamste Maßnahme ein Gespräch zwischen zwei Ebenen, und dafür braucht ihr keinen Externen.

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Fragen für das nächste schwierige Gespräch

Was war die letzte schlechte Nachricht, die dich verspätet erreicht hat? Und was ist in den Tagen davor passiert.

Wie hast du auf die letzte reagiert, die dich rechtzeitig erreicht hat? Wenn du das nicht mehr weißt, war es wahrscheinlich in Ordnung.

Welche Reihenfolge nimmst du in einem Konfliktgespräch? Erst die Sache klären, dann die Ursache, die Bewertung frühestens am nächsten Tag. Wenn deine Reihenfolge anders ist, warum.

An welcher Stelle bist du schneller als dein eigener Kopf? Diese Frage ist die eigentliche Arbeit, und sie lässt sich nicht durch eine Technik ersetzen.

Was mich daran interessiert

Was ich in dieser Arbeit am häufigsten sehe, ist nicht Härte. Es ist Vermeidung. Die meisten neuen Führungskräfte reagieren nicht zu scharf, sondern zu spät, weil sie das Gespräch schieben, bis es sich nicht mehr schieben lässt. Und dann ist es tatsächlich hart, weil aus einem Hinweis inzwischen ein Vorwurf geworden ist.

Der Moment, der mich interessiert, ist der, in dem jemand merkt, dass er zwei Sekunden gewinnen kann. Nicht mehr. Aber zuverlässig. Danach ändert sich die Qualität dessen, was er erfährt, und das ändert alles Weitere.

Wenn ihr das systematisch angehen wollt

Für Unternehmen: Wenn bei euch mehrere Führungskräfte an denselben zwei Gesprächstypen hängen, lohnt ein Gespräch über Format und Rahmen, bevor ihr etwas einkauft. Was dabei sinnvoll ist, hängt davon ab, ob das Thema bei einer Person liegt, bei mehreren oder in der Struktur. Formate und Preise stehen offen auf der Angebotsseite.

Als Einzelperson: Diese Phase ist Station 6 im Fahrplan für neue Führungskräfte. Passend dazu Coaching für Projektleiter und Coaching für Führungskräfte in der IT, zwei Rollen, in denen genau diese Gespräche besonders früh kommen.

Verwandter Artikel: Wenn deine Stärke dich als Führungskraft ausbremst.

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Station 6 im Fahrplan: Die erste echte Bewährungsprobe

Häufige Fragen

Wie führe ich mein erstes Konfliktgespräch?

Mit einer Reihenfolge und ohne Bewertung am selben Tag. Erst die Sache klären, was ist passiert und was folgt daraus. Dann die Ursache. Die Einordnung, ob das in Ordnung war, frühestens am nächsten Tag. Wenn dir die Struktur fehlt, ist ein Führungstraining dafür das richtige Werkzeug, nicht Coaching.

Ist es normal, dass mir Kündigungsgespräche schwerfallen?

Ja, und es ist die Mehrheit. 59 Prozent der befragten Führungskräfte empfinden Kündigungsgespräche als belastend oder eher belastend, während sie Mitarbeiterführung insgesamt als gut bewältigbar bezeichnen. [1] Erhebung 2016. Das Unbehagen ist kein Hinweis auf fehlende Eignung.

Woran merke ich, dass mein Team mir Probleme nicht mehr meldet?

Daran, dass es ruhig ist und die Überraschungen größer werden. Wenn du Probleme erst erfährst, wenn sie nicht mehr lösbar sind, hat dein Team eine Entscheidung über dich getroffen. Das ist der Mechanismus, den Edmondson beschreibt. [2] Ohne psychologische Sicherheit wird nichts angesprochen, ohne Ansprechen nichts korrigiert.


Quellen

[1] Hernstein Management Report, Erhebung Mai 2016, 1.566 Führungskräfte in Österreich und Deutschland, Online-Befragung durch vieconsult. Keine neuere Erhebung im deutschsprachigen Raum gefunden, die Belastung durch einzelne Gesprächstypen und die tatsächlich genutzten Unterstützungsquellen zusammen erhebt. Erhebungsjahr im Text durchgehend mitgenannt.

[2] Edmondson, Amy C.: Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. Administrative Science Quarterly 44(2), 1999, S. 350 bis 383. Feldstudie in 51 Arbeitsteams eines Produktionsunternehmens. Ursprungsarbeit zur psychologischen Sicherheit, durch Quelle 3 methodisch abgesichert.

[3] Frazier, M. Lance, Fainshmidt, Stav, Klinger, Ryan L., Pezeshkan, Amir, Vracheva, Veselina: Psychological Safety. A Meta-Analytic Review and Extension. Personnel Psychology 70(1), 2017. Absicherung von Quelle 2.

[4] Kotte, Silja, Hinn, Denise, Oellerich, Katrin, Möller, Heidi: Der Stand der Coachingforschung. Kernergebnisse der vorliegenden Metaanalysen. Organisationsberatung Supervision Coaching 23, 2016, S. 5 bis 23. Bislang die einzige deutschsprachige Übersicht, die die vorliegenden Metaanalysen direkt vergleicht.

[5] Schermuly, Carsten C., Schermuly-Haupt, Marie-Luise, Schölmerich, Franziska, Rauterberg, Hansjörg: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie ... Negative Effekte von Coaching. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie 58(1), 2014, S. 17 bis 33. Eine der wenigen systematischen Untersuchungen zu negativen Coachingeffekten.

[6] KOFA Kompakt 1/2026, Institut der deutschen Wirtschaft Köln, Flake, Köhne-Finster, Döring: Führungspositionen. IW-Beschäftigtenbefragung, Erhebung 20.05. bis 02.06.2025.https://www.kofa.de/media/Publikationen/KOFA_Kompakt/2026-01_KOFA_Kompakt_Fuehrung.pdf

[7] Keller, Scott und Meaney, Mary: Successfully transitioning to new leadership roles. McKinsey und Company, 23.05.2018. Umfassendste öffentlich dokumentierte Auswertung von Führungsübergängen. Oberes Management, Übertragung im Text gekennzeichnet.

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